2000 km Richtung Süden, ein ekliges Airbnb und eine Patt- Situation

„Scheiße, er schafft es nicht!“ brülle ich in den düsteren Himmel des Abends.

„Wie, er schafft es nicht?“ brüllt mein Mann zurück.

„Jahaaaaa, wir kriegen den Anhänger auf keinen Fall diese dämliche Steigung mehr hoch!“

Doch lass uns dort beginnen, wo mein vorletzter Artikel endete.

Sechs Wochen Deutschland waren echt genug für uns. Sowohl die Kinder als ich wir Erwachsene haben gespürt, dass es Zeit ist weiterzuziehen. Viele Familienbesuche, Freibadaufenthalte und hunderte Stunden vor dem Laptop später, brach der Herbst ein und es wurde kalt im deutschen Lande.

Unser Zeichen, Richtung Süden aufzubrechen. Wer will schon in der Kälte hocken und dem Regen tagein, tagaus beim Prasseln zuhören?

Die Wetter- App versprach reichlich Sonne in Italien und unsere Seelen verlangten nach Strand, Meer und leckerem Cappuccino.

Also auf, alle sieben Sachen packen, mächtig viel Zeug in den Bus verstauen und ab auf die Autobahn.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie toll es ist, wenn man seine Zeit frei einteilen kann?!

Da wir mit einem kleinen Anhänger unterwegs sind, der gefühlt zur Hälfte mit Lego befüllt ist, erlaubt uns die Polizei nicht mehr als 100 km/h zu fahren. Wer jetzt schnell ist im Kopfrechnen wird schnell herausfinden, dass wir, ohne Pausen, 20 Stunden durchfahren müssten.

Ich mein, generell ist das nicht das Problem, schließlich sind wir auf der Hinreise 19 Stunden am Stück über die Autobahnen gebrettert, aber dieses Mal gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied:

Das „Frei als Familie Festival“ läuft auf Hochtouren!

Email wollen beantwortet werden, die Menschen im, eigens eingerichteten, Telegram Kanal mit mir in Interaktion bleiben (und ich auch mit ihnen, weil: Macht unglaublich viel Freude!) und täglich gehen mindestens zwei Newsletter raus, die wir natürlich nicht vorgeschrieben haben.

Ich bin ein Mensch, der am besten aus der Emotion heraus schreiben kann. Dann fließt es, dann kommt an, was ich zu sagen habe.

Also gut, die deutsche Autobahn ist ziemlich chaotisch an diesem Tag. Hach, wie sehr liebe ich die Raser, die nicht nur ihr eigenes Leben mit dieser Scheiße auf´s Spiel setzen…

Regen knallt auf unsere Frontscheibe, für den ich an diesem Tag dankbar, denn endlich werden die ganzen toten Fliegen weggespült.

Gegen Abend erreichen wir die erste Unterkunft. Ein Airbnb im Süden Bayerns. Mein Blick kann gar nicht von dem wunderschönen Häuschen lassen, welches durch die typischen Blumenkästen am Fenster verziert wurde. Ein kleiner Garten machen das Gelände perfekt und auch für unseren Hänger bietet die großzügige Einfahrt genügend Platz.

Der Schlüssel ist im Briefkasten versteckt und meine Kinder schließen gemeinsam die Türe auf, als ich zwei Sekunden später ein lautes Meckern vernehme: „Boa, das Haus stinkt voll, Mama!“

Was? Ne oder?

Beim Betreten der vier Wände schnuppere ich vorsichtig in den Flur hinein und vernehme einen derart beißenden Geruch nach Öl und „alt“, dass es unangenehm ist weiterzugehen.

Ja, in diesem Haus wohnen uralte Möbel und vermutlich haben wir in dieser, sehr kurzen Nacht, im Ehebett verstorbener Menschen geschlafen, die dort über Jahrzehnte hinweg wohnten.

Wir führen die Fahrt am frühen Morgen des nächsten Tages fort und unsere müden Augen lassen sich kaum dazu überreden sich zu öffnen.

Neun Stunden bis zum nächsten Ziel, zeigt unser Navi an. „Geht ja noch“, denke ich, als ich beginne, den Bus inklusive Hänger aus der Einfahrt zu rangieren.

Dass aus neun Stunden an diesem Tag ganze 13 werden würden, konnte ich am Ende selber nicht fassen, doch das zweite Airbnb trägt dafür die Verantwortung.

Da stehen wir also im Halbdunkel, nachdem wir die Strecke bis zum Supermarkt ein zweites Mal fahren durften, weil mein Porteponnaie verschwunden war. Wenigstens lag es noch auf dem Parkplatz als wir wiederkamen, denn darin befand sich all das Ausweis- Hab und Gut meiner und Peters Person!

Das Navi führt uns in eine kleine, nicht geteerte Straße, in die ich mit dem großen Wohnwagen niemals reingefahren wäre. Man lernt so gewisse Dinge, wenn man mit einem derart großen Anhänger unterwegs ist.

Aber hey, so ein pupsi kleines Ding, welches wir gerade Richtung Italien ziehen, ist ja quasi ein Witz. Da kann gar nichts schief gehen.

„Rechts abbiegen!“, ertönt die künstliche Stimme und keine Sekunde später spreche ich laut aus, was mir sofort in den Kopf schießt: „Was? DA runter?“

Die Straße ist unbefestigt und mehr als steil. Im Dunkel der Bäume erkenne ich weder ein Haus, geschweige denn Lichter in irgendwelchen Fenstern. Aber das Navi besteht darauf, diese Todesstraße hinunter zu fahren, also folge ich ihm und denke bei jedem cm „Bitte bitte rutsch nicht, lieber Auto!“

Wir kommen heil unten an. Die Kinder steigen aus und wir alle freuen uns auf genau eine Sache: Unser Bett!

Das Haus, welches wir hinter dicken Bäumen entdecken, macht einen verschlafenen Eindruck. Es brennt weder Licht, noch ist das Eingangstor geöffnet. „Hmm, komisch!“ sage ich laut und Peter stimmt mir zu.

„Bist du sicher, dass es das hier ist?“ fragt er mich und drückt im selben Atemzug mit seinem Daumen auf die Airbnb App. „Ja klar!“ behaupte ich felsenfest. Doch seine Stimme ertönt im selben Augenblick:“ Ne, Katha! Das ist doch ganz woanders!“

F*ck, rast es mir durch den Kopf. Wir sind alle mega müde und am Anschlag mit unseren Nerven. 11 Stunden Autofahrt mit drei Kindern ist auch kein Spaziergang.

Wir wenden das Auto mit Hänger und ich fahre Richtung Steigung, als wir mit einem mal beginnen, den Berg runter zu rutschen.

Meine Kinder sind schneller aus der Schiebetür gesprungen als ich gucken kann, denn ich habe ein ganz anderes Problem. Kämpfen oder bremsen?

Kurzerhand entscheide ich mich fürs Bremsen, um dann, volle Fahrt voraus, das kurze Gespann den Berg hinaufzufahren.

Doch mein Plan geht nicht auf. Die Reifen drehen durch, die Kupplung beginnt zu stinken und ich motze Peter an, damit er endlich aussteigt und mir den Weg rückwärts weist. Wir haben keine Chance, diesen verdammten Berg hinauf zu kommen, denn für einen ordentlichen Anlauf befinden sich auf dieser Grafläche einfach zu viele dicke Schlaglöcher.

Ok, cool! Schach Matt!

Langsam gehen uns die Lösungen aus. Der Hänger ist viel zu schwer, um ihn mit Mannes -und Frauenkraft diesen kack Berg hoch zu drücken. Außerdem gibt es weder eine vernünftige Beleuchtung, noch kommen wir auf dem Berg ganz einfach um die Kurve.

Miss Universe erhört uns endlich, als in dem verschlafenen plötzlich die Lichter angehen. Tja, am A der Welt schläft man wochentags um diese Uhrzeit schon. Leicht genervt, aber dennoch gewillt uns zu helfen (oder aber endlich seine Ruhe zu haben), bewegt sich ein dicker kleiner Mann an das große Tor und spricht mich brüllend auf italienisch an, während seine Hunde die Melodie dazu spielen.

„Parlo poco italiano!“ schreie ich zurück. „Aiutare?“ (helfen)

„Marcooooo!“ rumpelt seine durchdringende Stimme über das Anwesen, als sich zaghaft ein großer, schlacksiger junger Mann Richtung Tor bewegt und mich verwundert anschaut. „Parli ingelese?“ (Sprichst du englisch?) frage ich mit Nachdruck und er antwortet mit einem schüchternen „Yes!“.

Einige Minuten später, als sie unsere drei Kinder endlich wahrnehmen, die im Bus auf uns warteten, trauen sich die beiden endlich aus dem Tor heraus (Gott sei Dank ohne die Kläffer) und ich zeige ihnen den Standort des Airbnb auf der App.

Marco erklärt uns den Weg. Nicht nur zum Airbnb, sondern auch zur Hauptstraße, ohne diese verdammte Steigung hochfahren zu müssen.

Wir nehmen den überwucherten Feldweg abseits des Hauses und Peter läuft vor mir, um mich über Unebenheiten, Sträuchern und herausragende Äste zu informieren. Ein Hoch auf die Taschenlampenfunktion in unseren Handys!

Die Kurve kriege ich mit dem Hänger allerdings nicht. Wir kuppeln ab, ich fahre voraus und Jarek schiebt den Hänger mit geballter Kraft an das knatternde Auto heran, um ihn erneut und zum gefühlt zwanzigsten Mal an diesem Abend, anzukuppeln.

Der Weg zur asphaltierten Straße ist holprig. Viele Steine zieren den, eigentlich wunderschönen, Weg an diesem Abend.

Wir fahren nach Beschreibung der Italiener Richtung Ziel und machen drei Kreuze, als wir endlich das Schild von unserem Airbnb sehen: B&B Farfa, steht auf dem hübschen Schild und ich platziere das Gespann mit der Schnauze Richtung Tor, als Peter aussteigt um uns anzumelden.

Hundemüde läuft er einige Minuten später auf den Wagen zu und ich sehe bereits an seiner Körperhaltung, das etwas nicht stimmt. Von hinten brüllen drei hungrige Raubtiere nach Essen und mir fallen ebenso jeden Moment beide Augen zu. Mein Magen knurrt unterdessen und verlangt nach Nahrung.

Ich schaue meinen hübschen Mann und erkenne im Dunkel sein Kopfschütteln.

„Was? Sind wir hier etwa falsch?“ reiße ich meine Klappe auf, als er die Beifahrertüre auf sperrt und in meine Augen blickt.

„Das ist hier nicht!“ ist das einzige, was aus seinem Mund ertönt und ich spüre, wie Wut in mir hoch kocht.

Wie kann man nur so eine bescheuerte Standortbeschreibung in seine Anzeige stellen? Verdammt noch, wir haben HUNGER!

Die Tankanzeige unseres Busses blinkt auf und gibt mir den letzten Rest. Wir stehen irgendwo in der Pampa. Das letzte was es hier gibt ist eine Tankstelle!

Aber klar, wer seit einer Stunde diese beknackte Herberge sucht, der kann auch schon mal ohne Diesel dastehen. Logisch!

Ok, was nun?

Wir kneifen unsere Arschbacken zusammen, geben den Kindern Kekse nach hinten und fahren die Straße weiter entlang. Eine süße Alpaka- Farm begegnet uns und die Hoffnung auf ein warmes Bettchen steigt auf nahezu 100%.

Doch Fehlalarm. Keine brennenden Lichter und keine Menschenseele ist hier zu sehen. Nicht mal diese Alpakas, von denen hier die Rede ist.

„Wir sind hier falsch!“ motze ich Miss Universe an. „Verdammte Scheiße, ich kann nicht mehr!“

Peter weist mich an, weiterzufahren. Immer der Nase nach, trifft es hier am besten.

Und nach einigen Minuten, ganz am Ende des holprigen Weges erscheint plötzlich ein Haus auf dem Berg. Lichter brennen, Hunde kläffen sich die Seele aus dem Leib und Peter sagt voller Überzeugung: „Das wird es sein!“

„Ja ne, ist klar. Das ist ja auch das einzige Haus weit und breit!“ kontere ich.

Der Pfad, wenn man ihn vor lauter Schlaglöchern überhaupt so nennen darf, ist steil und ich weigere mich, auch nur einen weiteren cm in diese Richtung zu fahren. Also steigt mein Liebster aus und geht mit der Taschenlampe den Berg hinauf. Und wieder ein Stück hinunter. Und wieder hinauf. Und ich frage mich, ob er mich jetzt verkackeiern will.

Endlose zehn Minuten später winkt er mir von der Hälfte aus zu und ich deute sein Zeichen als GO.

Also brettere ich mit Gespann durch die Schlaglöcher, fliege regelrecht diesen scheiß Berg hinauf und fluche um mein Leben. Nein, langsamer fahren ging nicht. Du erinnerst dich an die Steigung, die wir nicht hoch kamen!

Peter steigt kurz vor dem großen Tor ins Auto ein, um den Hunden zu entkommen und ein Mann öffnet uns die Pforten.

„Die wollen anscheinend nicht vermieten. Als ich ihn fragte, ob hier das Airbnb sei, sagte er tatsächlich Nein.“

„Hä?“ ist das einzige, was ich jetzt noch aus mir herausholen kann.

„Ja, der meinte ernsthaft, dass wir falsch wären!“

Ok, gut. Trotzdem weiterfahren.

Auf dem Vorhof des beschaulichen Hauses angekommen, hat der Herr bereits seine Tochter nach draußen zitiert, welche beginnt, mit uns englisch zu sprechen.

Long story short:

Man hatte nicht um diese Uhrzeit mit uns gerechnet. Als wir sagen, wir haben bereits vor Tagen eine Nachricht mit genau diesem Inhalt gesendet, auf die wir nie eine Antwort erhielten, bliebt sie stumm.  auch dass die angegebene Telefonnummer nicht stimme, wird mit einem überlegenden Gesicht beantwortet.

Ich erkläre ihr in einem freundlichen Ton, dass wir fast anderthalb Stunden nach dem Airbnb gesucht haben und jetzt einfach nur was essen und schlafen wollen.

Sie nickt und fragt mich ernsthaft, ob wir einen Plan B hätten, da nun nichts so wirklich vorbereitet sei (Das macht doch keinen Sinn. Haben sie denn zu keiner Tageszeit mit uns gerechnet?).

Ich sage ja, nämlich die Nacht durchfahren und ernte einen bösen Blick meines Mannes. Die junge Frau übersetzt meine Antwort auf italienisch und der Vater scheint meine Idee gut zu finden.

Nach einer kurzen und knackigen Diskussion mit Peter teile ich den beiden mit, dass wir die Nacht bleiben.

Und auf einmal macht der Herr ein Fass auf: Er habe die Zahlung ja noch gar nicht erhalten. Wir könnten doch nicht bleiben wenn wir nicht gezahlt haben!

Da platzt auch mir an diesem Abend leicht die Hutschnur. Ich öffne die Airbnb App und zeige Vater und Tochter unsere Rechnung. Anschließend erkläre ich ihnen energisch, dass Airbnb das Geld erst dann an sie überweist, wenn die Nacht vorüber ist und warum sie das so handhaben.

Sie glauben mir nicht, schauen skeptisch drein und nehmen erneut Anlauf. Doch sie schaffen es nicht einmal zum Absprung, denn meine Klarheit bremst ihre Diskussionsgrundlage.

Ich verlange deutlich, dass sie uns jetzt in die Wohnung lassen, da ich mich andernfalls sofort an Airbnb wenden werde.

Es wirkt. Keine fünf Minuten später steht unsere Tasche in dem rustikalen Appartment und ich denke, gutgläubig wie ich bin, nun endlich in Ruhe pinkeln gehen zu können.

„In Ruhe“ war die falsche Annahme an diesem Abend, denn die Toilette ist voller Kacke. Am Rand bilden sich Pipiflecken und überall finden wir Käfer und Spinnen auf dem Boden.

Das Waschbecken hat vermutlich vor drei Monaten zum letzten Mal einen Putzlappen gesehen und die Betten riechen muffig und staubig.

Diese Airbnb Wohnung ist das allerletzte und am liebsten würde ich auf der Stelle kehrt machen und mich an den Kundendienst wenden!

Doch während ich hilflos umher taumle und versuche einen Topf für Nudelwasser zu finden, klopft es an der Türe.

Und da steht sie, die junge Dame und fragt mich auf englisch, ob wir Nudeln essen kommen wollen. Mit selbstgemachtem Pesto, fügt sie hinzu und reicht mir drei frisch gewaschene Handtücher.

Was für ein Engel du bist, schießt es mir durch den Kopf. Sie versucht die Situation zu retten.

An diesem Abend Ende September sitzen also fünf müde Wesen in einer italienischen Küche und werden vom genervten Hausherr persönlich bekocht.

Und trotz dessen, dass die Uhr 11 schlägt, falle ich kurz darauf zusammengezogen vor Ekel in das Bettchen dieses Appartments und hoffe auf einen baldigen Morgen!

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