Die Angst vor Verletzlichkeit in einer Freundschaft- Eine wahre Geschichte

Wir sitzen gemeinsam am Tisch. Sie schaut traurig drein, ihr Körper hängt schlapp im Stuhl und ihre Augen gewinnen zunehmend an Feuchtigkeit.

Ich sehe sie, halte den energetischen Raum, spüre meine innere Ruhe.

Unsere Blicke begegnen und trennen sich.

Erwartungsvoll schaut sie mich an, während sich ihre Schultern bei einem tiefen Seufzer nach oben und unten bewegen.

„Was brauchst du gerade?“ frage ich sie in ihre tiefblauen Augen.

Sie zuckt mit ihrem ganzen Oberkörper.

„Ich sehe dich!“ entgegne ich ihr.

Dieser Satz reicht aus, um die Feuchtigkeit ins Rollen zu bringen. Dicke Kullertränen fließen Richtung Mundwinkel. Ihre Hände liegen ineinander verkrampft in ihrem Schoß und ich sehe ihr an, dass ihr zugedrückter Mund gleich zu platzen beginnt.

Ich stehe auf und laufe zwei Schritte in ihre Richtung.

Unsere Augen sprechen wortlos miteinander, als sie sich in meine Arme fallen lässt und das kleine Mädchen in ihr beginnt zu weinen und zu schluchzen als gäbe es kein Morgen.

Ich spüre den Drang des Loslassens auch in mir. Meine Kehle schnürt sich zu und mein Bauch schreit nach Entladung. Ich lasse die Tränen los.

Tränen des Verständnisses und der Freundschaft.

Tränen einer tiefen Verbindung.

So sitzen wir da, ich kniend vor ihrem Stuhl, sie auf meinen Schultern lehnend und tief verbunden mit ihrem Schmerz.

Die Zeit scheint still zu stehen. Minuten vergehen und ich schließe meine Augen.

Der salzige Geschmack auf meiner Zunge weckt mich aus der Meditation.

Ich spüre, wie auch sie immer ruhiger wird. Ihre Atmung entspannt sich, ihr Körper richtet sich langsam wieder auf.

Meine Hände halten ihre Wangen und ich schenke ihr einen sanften Kuss.

Sie lächelt. Verzweifelt. Nach wie vor. Aber ruhiger.

„Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich für nichts zu gebrauchen bin!

Jahrelang hat man mir erzählt wie ich zu sein habe und was ich den ganzen Tag lang tun soll!“

Ihre Stimme wird aufgebrachter „Woher soll ich denn auch wissen, wofür ich hier bin, wenn ich nie die Chance hatte, mich selbst zu erfahren, hä?“

Beinah wütend fügt sie hinzu: „Alles scheiße! Verkackte Scheiße!“

„Ich weiß genau was du meinst.“, lautet meine Antwort. „Mir ging es ja auch jahrelang so. Schule, Abschluss, hier mal arbeiten, dort mal was anfangen, Mutter geworden, Kinder versorgt…“

Ihre Verzweiflung hält sich wacker.

„Du hast ja wenigstens deinen Blog und machst auch sonst so viel Zeug, worauf du Bock hast.“

Und dann spricht mein Herz eine Botschaft, die ihre Verzweiflung langsam bröckeln lässt:

„Weißt du, ich kann dir nicht sagen, was deine Lebensaufgabe ist. Ich kann dir auch nicht sagen, wie du es schaffst, aus den Fragezeichen Ausrufezeichen zu machen. Aber ich kann dir eine Sache sagen, die ganz tief in mir drinnen von unermesslichem Wert ist:

Dass du für mich eine der beeindruckensten Persönlichkeiten bist, die ich jemals getroffen habe.

Weil du nach jedem Hinfallen wieder aufstehst und weil du noch nie das Drama bevorzugt hast, sondern immer und immer wieder das Schöne im Leben suchst und siehst.

Und vielleicht vielleicht bist du genau dafür eine Pionierin!“

Ihr Gesichtsausdruck zeugt von Sanftheit. Die Anspannung fällt regelrecht ab. Sie sieht mich an und lächelt.

Anders als zuvor. Gelöster. Meine Worte hallen nach.

Und ihre Worte berühren meine Seele:

„Wir müssen uns vor nichts fürchten, nicht wahr Bär? sagte der Tiger in Oh, wie schön ist Panama. Mit dir als Freundin muss ich mich auch vor nichts fürchten!“

„Lass uns gemeinsam Pilze finden und Fische braten, hopp hopp“ sage ich mit entsprechender Handbewegung.

Und als sich unsere Blicke treffen, erhellt sich der Raum mit schallendem Gelächter zweier verheulter Frauen, die immer und immer wieder das Schöne am Leben sehen!

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • gertrud carey
    27. Juli 2022 17:48

    Hallo Katharina, ich möchte mich bei dir bedanken für deine spannenden, interessanten und so erfrischend ehrlichen Texte. Ich möchte auch ehrlich sein, und niemandem, ganz besonders dir, heile Welt vorspielen.
    Eigentlich sollte ich jetzt in Irland sein, nachts in die Sterne gucken, und tagsüber meinen Träumen nachhängen. Aus den sechs Wochen Cottage Leben werden es grad mal 12 Tage, aber ich betrachte sie als grosses Geschenk, weil ich nicht mehr damit gerechnet habe, diesen Sommer überhaupt irische Luft zu schnuppern.

    Es mag seltsam sein, aber ich verbinde Irland auch immer mit dir, für dich war es eine, bestimmt wertvolle Erfahrung, und für mich die Erfüllung all meiner Träume. Nun ist mein Ire, mein Traum Mann, ernsthaft erkrankt, und ich muss, darf, allein reisen. Was mir unglaublich schwerfällt, und doch zieht es mich mit aller Kraft dahin. Es ist ein Sog, ein Magnet, oder ganz einfach gesagt, „Ireland is calling me“. Irland ruft mich, und ich höre auf mein Herz und fliege hin.

    Danke Katharina, dass ich hier so offen sein kann, ich freue mich bereits auf weitere grossartige, lustige, tiefgründige Geschichten von dir.

    Alles Gute auf deiner/ euren Reise.
    gertrud
    Ein

    Antworten
    • Liebe Getrud,

      du bist eine meiner treusten Leserinnen, obwohl wir uns noch nie „in echt“ gesehen haben.
      Von Herzen wünsche ich dir und deinem liebsten Mann Kraft, Erholung und Gesundheit! Wenn sie die Basis unseres Lebens nicht mehr bilden kann, wird der Schmerz immer größer- I feel you!

      Trotz der Umstände hoffe ich auf eine wunder- volle Zeit auf der grünen Insel. Vielleicht wird sie dir all die Kraft schenken, die du in Zukunft benötigst!

      Herzliche Grüße von Katharina

      Antworten

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