Für Martin, meine erste große Liebe

Ich scrolle mit meinem Zeigefinger die Bilder herunter. Eins nach dem anderen schaue ich mir an.

Alte Schulkameraden, Leute aus Stufen unter oder über mir, damals schon interessante Persönlichkeiten mit ordentlich IQ in der Birne.

Puh, denke ich als ich sehe, dass er Rechtsanwalt geworden ist. War ja irgendwie logisch, antwortet mein Verstand. Immer schon ein Überflieger gewesen und seine Geschwister gleich mit.

Wenige Minuten später entdecke ich seinen Bruder. Manager von Pipapo, irgendetwas Tollem jedenfalls.

Offensichtlich knallhart das Studium durchgezogen, sich hoch gearbeitet- ach was, so schlau wie der schon immer war hat der garantiert direkt ganz oben auf der Karriereleiter angefangen.

Russisch, englisch, Mathe, Physik… ganz egal welches Fach, diese Familie schien aus lauter Superhirnen zu bestehen, die allesamt einen Intelligenzquotienten von mindestens 350 haben müssen.

Prompt erinnere ich mich an die Zeit in der ich 14 Jahre alt war.

Ich war überaus sportlich, magersüchtig, fies zu mir selbst und mit der Welt keinesfalls im Reinen.

Und ich war verliebt. Unendlich verliebt. In ihn: Martin!

Martin holte in mir Gefühle hervor, an die in meiner weiteren Verliebtheitslaufbahn kaum mehr ein Mann ran kam.

Martin war für mich der Traum eines Mannes- groß, braunhaarig, ein Lächeln zum dahin schmelzen, Basketballer, heiß umworben und, wie konnte es anders sein, ein Mitglied der Superhirn Familie von der ich oben bereits sprach.

Zu meinem Glück waren unsere Mütter damals gut befreundet und die netten Gefühle zu Martin halfen mir über die Trauer des großen Umzugs aus der geliebten Heimat hinweg.

Nicht dass du glaubst ich hätte jemals auch nur ansatzweise vor den Erwachsenen zugegeben wie unfassbar doll ich in Martin verschossen war! Never ever!

Mir ging es einzig und allein um die GESAMTE Familie wenn ich dort übernachtete. Ich fand selbstverständlich ALLE toooootal nett (und nahm sogar in Kauf zu kommen, wenn Martin beim Training war und ich ihn nur abends kurz sah).

Dass Erwachsene sowas überhaupt fragen müssen, wo es doch mehr als offensichtlich war, dass ich ziemlich häufig bei Familie W. zu Besuch war.

Hach Martin, wieso hast du eigentlich damals nicht auf meinen superschönen Liebesbrief reagiert, hä?

Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen wie ich in der GZSZ (Gute Zeiten, schlechte Zeiten) Zeitschrift las, dass man Liebesbriefe parfümieren soll. Dann kämen sie besser an, so deren Aussage.

GZSZ war quasi MEINE Serie und ich tat was getan werden musste.

Vermutlich roch die gesamte Schule nach dem leicht lilanen, herrlich süß duftenden Parfum, welches ich für meinen Zukünftigen wählte.

Hach, war ich stolz auf diesen Lappen, auf meine Zeilen der Liebe…

Nun ja, Martin, deine Reaktion hätte deutlich vorteilhafter für mich ausfallen können, meinst du nicht?

Ich machte mir Tag und Nacht Gedanken darüber, warum in Herrgotts Namen meine unendliche Liebe nicht erwidert wurde.

War ich immer noch nicht schlank genug (meine Güte, weniger hätte ich nicht wiegen dürfen)?

Zu jung (ich bitte dich, 1 Jahr Abstand ist doch perfekt)?

Nicht cool genug und zu schüchtern (vielleicht warst du mittlererweile mal so richtig doll verliebt und weißt, dass man sich auch mal zurück nimmt um bloß nichts falsches zu sagen)?

Am Ende war ich mir vollkommen sicher: Ich war einfach ZU DOOF!

Ja, die Gespräche über Politik überforderten mein Allgemeinwissen. Das verfolgen der Nachrichten interessierte mich nicht. Und meine Familie ist im Gegensatz zu deiner ziemlich normal (doof/schlau)!

Quälende Fragen und bis heute keine Antwort darauf. Nur, dass sie mich heute nicht mehr quälen.

Denn heute weiß ich meinen Wert mehr und mehr zu schätzen.

Ich interessiere mich nach wie vor nicht für Politik. Die Nachrichten ziehe ich mir nur äußerst selten an. Und dicker bin ich auch geworden.

Meinen Bauch zieren Streifen aus den Schwangerschaften und mein Körper sieht wesentlich gesünder aus als damals.

Ach Martin weißt du, so ganz tief in mir drinnen würde ich dich heute gerne auf einen Kaffee einladen. Du und ich, wie wär´s?

Lass uns über die alten Zeiten reden und die Gegenwart genießen. Lass uns vor Lachen die Bäuche halten, wenn es um meine liebevollen Aktionen von damals geht.

Ich habe tatsächlich lange damit zu kämpfen gehabt, dass meine Verknalltheit nicht erwidert wurde.

Viele Monate habe ich mich in Zweifeln über meinen Wert gewälzt und gehofft, dass du doch noch das Schöne in mir siehst.

Das Schöne, nicht das Intelligente!

Auf den Intellekt bezogen, also das, was im Hirn bei dir ungefähr 281168433x schneller rattert als bei mir, werde ich wohl nie an dich rankommen.

Aber ich habe andere Stärken. Schon damals. Nur wusste ich es noch nicht.

Damals habe ich mich einfach nur dumm, doof und blöde gefühlt.

Damals dachte ich noch, wer alles weiß ist es wert geliebt zu werden und wer ein Abitur von 1,1 hinlegt, so wie du, dem wird der Erfolg zufallen.

Damals, als ich dich bei der Abifeier auf der Bühne unserer Waldorfschule stehen sah und deine ganz besondere Auszeichnung für das, jemals best geschriebene Abitur(!) mitbekam, da wäre ich am liebsten im Boden versunken.

Da gab es einen Anteil in mir, der sich dafür schämte, überhaupt in Erwägung gezogen zu haben, dass aus uns beiden mal was wird.

Und was hat sich in 15 Jahren Katharina- Laufbahn innerlich geändert?

Dass ich mit Sicherheit weiß:

Egal, ob ein Liebesbrief mit viel zu viel Parfum aufgepeppt wurde oder nicht, jeder Mensch besitzt einzigartige Fähigkeiten und ist es wert, unendlich geliebt zu werden!

In diesem Sinne, lieber Martin, hoffe ich, dir geht es gut wo auch immer du gerade abhängst. Ob du bereits eine Familie gegründet hast oder ein single Dasein in einer Metropole feierst, ich danke dir.

Danke, dass du mir gezeigt hast, wie viel Liebe in mir steckt, ganz gleich, wie beschissen die Umstände im Außen damals waren!

Du wirst für immer meine erste, wirklich große Liebe bleiben und das ist gut so! Sending much love to you 🤍

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