Ist Urteilen nicht manchmal einfach angebracht?

Mit dicken schwarzen Bluetooth Kopfhörern laufe ich die Leipziger Hauptstraße entlang und vernehme eine Mischung aus dem Parfum fremder Menschen, Hundepisse und den frischen Äpfeln des Gemüsehändlers.

Die Sonne hat sich endlich mal wieder blicken lassen und sofort merke ich, wie krass mich das Wetter beeinflusst.

Nächste Woche geht es zurück nach Italien und das ist gut so. Der lange deutsche Herbst macht meine Nerven kaputt und auch nach über dreißig Jahren stehe ich weder auf kalte Füße im Bett, noch auf dreitausend Schichten Kleidung, die meine Kinder nur allzu oft anregt aufs Klo zu müssen wenn wir gerade losfahren wollen.

Heute begleitet mich eine grüne Leggings, kombiniert mit dem eng anliegenden weinroten Minikleid und dem gestreiften Wollpulli in einer herbstlichen Farbkombination.

Meinen Jutebeutel, in dem ein Päckchen auf seine Abgabe wartet, schwinge ich vor mir her und das Beobachten meiner Mitmenschen macht mir heute Freude.

Meine Gedanken schwifen zum „Frei als Familie Festival“, als ich einen aufrichtig lächelnden Vater wahrnehme, der seine Tochter mit seinem allerschönsten Gesichtsaudruck beschenkt.

Wo die beiden wohl gerade herkommen? Sie haben ein Fahrrad und einen kleinen Rucksack dabei…

Wohin führt sie ihr Weg und warum genau ist der Mann so glücklich?

Ich laufe weiter. Eine Dame im schwarzen Mantel kommt mir entgegen. Sie kramt aufgeregt in ihrer Tasche und holt dann eine kleine Münze heraus, die sie postwendend dem Alkoholiker vorm Rewe schenkt. Auch er lächelt, nein, er strahlt. Ich sehe so viel Dankbarkeit in seinen Grübchen und seinen Augen, die seine Vergangenheit nur erahnen lassen.

Am Bankautomat muss ich anstehen. Ein schwarzer Mann mit kurzen Dredlocks wirkt unruhig und eine Minute später beobachte ich seinen Gesichtausdruck, als er sich unvollendeter Dinge vom Geldautomat abwendet. Er sieht enttäuscht aus, vielleicht erkenne ich sogar einen Hauch der Verzweiflung.

Als ich an der Einfahrt zum Mehrfamilienhaus entlang laufe, sitzt der Mann mit den grauen Haaren ratlos vor der geöffneten Motorhaube seines Autos. O man, ich fühle mit dir, denke ich und laufe festen Schrittes weiter Richtung Post.

Normalerweise kenne ich den Besitzer dieses Laden nur als einen Mittfünfziger, der diesen Laden schmeißt, an dem sein Herz offenbar nie hing. Auch heute schaut er exakt so aus wie vor zehn Jahren, doch eine Kleinigkeit hat sich verändert: Er lächelt. Aufrichtig. Breit. Beinah unheimlich, weil ich seine Zähne nie zuvor sehen konnte.

Und er reißt Witze. Scheint seinen Humor (wiederentdeckt) zu haben. Ist geduldig und nimmt seine Kunden ernst.

Wow, was für eine Transformation, denke ich. Zu gerne würde ich ihn fragen wie er sich so wandeln konnte.

Vor dem Kindergarten werden die letzten Kinder abgeholt. Es ist gleich 17 Uhr. Einige erzählen ihrer Mutter aufgeregt von ihrem Tag, andere brechen vor der Türe zusammen und schreien sich die Seele aus dem Leib.

Der Spielplatz ist rammelvoll. An das graue Geländer lehnend lasse ich die vergangenen Situationen revue passieren, während ich meinen Kindern beim Spielen und Klettern zusehe.

Mit keinem dieser Menschen, die mir heute begegneten, habe ich je ein persönliches Wort gewechselt. Ich kenne weder ihren Namen, noch ihre Herkunft.

Ich weiß nicht, ob und wie viele Kinder sie haben, ob sich ihr Leben leicht anfühlt oder ob sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen.

Keine Ahnung welche Last und welches Glück sie in sich tragen.

Und im nächsten Moment wird es mir deutlicher denn je:

Was bilden wir uns eigentlich ein, über andere Menschen zu urteilen, ohne in deren Schuhen zu laufen?

Kann es vielleicht sein, dass jeder Mensch seine Aufgaben so gut es ihm möglich ist, bewältigt?

Wäre es nicht angebracht mehr zu Geben, wenn wir noch Kraft für andere haben, statt ihnen zu suggerieren wie unfähig, dumm und sinnlos sie seien?

Mein Sohn rüttelt meine Gedankenwelt wach, als er mir aus gefühlten 10 Meter stolz vom Baum zuwinkt. Seine weißen Zähne und der kleine schmale Körper spiegeln die Äste der Bäume in der wunderschönen Sonne.

Ich hebe meinen Kopf, winke ihm zu, schließe meine Augen und spüre die Macht von uns Menschen, wenn wir endlich beginnen, sie in den richtigen Kanälen zu nutzen!

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