Warum unsere Kinder ohne Kindergarten und Schule aufwachsen

Wir haben sie hinter uns, die Erfahrung mit der Fremdbetreuung durch Kindergarten und Schule.

Jarek war ziemlich genau fünf Jahre alt als er eines Tages zu mir kam und sagte Mama, ich will auch in den Kindergarten gehen! Ok, dachte ich mir und begann nach einem Platz zu suchen. Wie es der „Zufall“ wollte, bekamen wir innerhalb der nächsten zwei Wochen einen Kindergartenplatz im Waldkindergarten. Ich war zufrieden mit unserer Wahl und auch das Konzept klang gut. Die Kinder sollten den ganzen Tag draußen verbringen, bei Wind und Wetter und nur zum Mittagessen und Schlafen in das Gebäude gehen. Außerdem wurden nur imaginäre Grenzen gesetzt, da sich die Gruppe von ca. 16 Kindern mitten im Wald aufhielt. Kein Zaun und die schöne Natur um sie herum. Es war bereits Ende November und ziemlich kalt. Dass wir bei der Eingewöhnung so lange dabei sein würden, wie Jarek es brauchte, war klar wie Kloßbrühe. Die Eingewöhnungszeit begann also und wir nahmen es in Kauf, stundenlang draußen zu sein und zu frieren. Jarek fühlte sich derweil offensichtlich sehr wohl und tobte sich ordentlich aus. Das Mittagessen schmeckte ihm zwar nicht, aber er forderte nach kürzester Zeit ein, dass wir gingen und ihn am Nachmittag abholten. Danach richteten wir uns so gut es ging. Wir hatten zu dieser Zeit kein Auto und Peter fuhr die Strecke regelmäßig mit dem Rad. Mit der Straßenbahn dauerte die komplette Abholtortour drei Stunden und das nervte uns alle, weswegen wir uns ein Auto borgten.

Es wurde zunehmend kälter und matschiger, Jarek bekundete Unwohlsein aufgrund des Wetters und dass er keine Zeit mehr habe zum Lego spielen. Außerdem kriegten wir ihn morgens kaum aus dem Bett. Die Stimmung war angespannt, benötigte Jarek doch sehr viel offenes Gehör am Nachmittag um von seinen Erlebnissen zu erzählen. Alles sollte haargenau bei uns ankommen und das verlangte einiges an Aufmerksamkeit und teilweise auch Zuspruch. Nach einer Weile sagte er, dass wir ihn jeden Abend fragen sollen ob er am nächsten Tag gehen möchte oder nicht. Wir respektierten diesen Wunsch, waren uns aber selbst unsicher ob es nicht besser wäre wenn wir die konsequente Entscheidung für den Kiga übernehmen würden.

Die Tage vergingen und Jarek wollte zunehmend nicht mehr in den Kiga. Er sagte ihm fehle das Spielen am Morgen. Er hätte viel zu wenig Zeit um zu lesen und zu spielen und das Essen wäre zuhause auch leckerer. Wir trieben das ganze so weit, dass er irgendwann höchstens ein mal pro Woche ging. An diesem Punkt trafen wir die Entscheidung für uns und gegen den Kindergarten. Wir meldeten ihn ab weil wir fanden dass andere Eltern den Platz dringender brauchten als wir. Im Laufe der nächsten Tage kam immer mal ein Ich will noch mal dahin , diese Aussage verschwand dann nach ca. zwei Wochen und seitdem haben wir keinen Mucks mehr gehört.

Anton ist mittlererweile fünf Jahre alt und denkt offenbar nicht mal über den Kindergarten nach.

Jarek freute sich sehr auf die Schule. Seine Großmutter erzählte gerne aus ihrer eigenen Schulzeit und weckte dadurch seine Neugierde. Nachdem wir uns einige Schulen in freier Trägerschaft angeschaut hatten (und als Eltern mit keiner glücklich waren) sagte Jarek eindeutig, dass seine Wahl auf eine bestimmte Schule fiel. Und prompt bekamen wir auch dort wieder einen Platz. August kam näher und wir Eltern bastelten nach seinem Wunsch eine Schatzkiste (Schultütenersatz) und bereiteten mit zwei Nachbarsfamilien das Fest im Gemeinschaftsgarten vor. Auch die Schule gab sich Mühe und führte die Kinder mit einer Schatzsuche durch die verschiedenen Räume des Schulgebäudes. Der Empfang war herzlich und auch Peter und ich mochten Jareks Lehrer auf Anhieb. Wir versuchten unsere Herzen zu öffnen und unseren Sohn so wenig wie möglich an Zweifeln teilhaben zu lassen.

Jareks Freude und Neugierde hielt zwei Monate an. Er kam (fast) jeden Mittag zum Essen nachhause und erzählte ununterbrochen davon, was alles am Vormittag geschehen war. Ich versuchte ihm Gehör zu schenken, hatte allerdings auch viel zu tun mit Anton und dem kleinen Johanna- Baby. Er erzählte von seinem neuen Freund, von komischen Kindern, von Menschen die ihn einfach anrempelten, die durchs Schulgebäude schrien, von Experimenten in Chemie, von seinem Spaß am Töpfern und dass er deswegen an den Töpfertagen länger bleiben wolle. Wir merkten ihm zwar an, dass er abends viel schneller einschlief, aber meistens wachte er morgens auf und sein erstes Wort lautete Schule! , mit einem Grinsen im Gesicht.

Peter und ich stellten irgendwann fest, dass es ihm wirklich gut ging und wir akzeptierten dass er diesen Weg gehen möchte. Und dann kam eins zum anderen. Jarek hatte sich immer wieder mit einem anderen Jungen, nennen wir ihn Leo, in den Haaren. Er fühlte sich bis aufs Blut gereizt und auch die Lehrer versuchten ihm zu helfen. Er kommunizierte deutliche Stopps, die jedoch auf taube Ohren stießen und begann die Angebote zu meiden, für die auch Leo sich entschieden hatte. Nach der Schule gab es kaum ein anderes Thema mehr und wir Eltern hatten zunehmend Mühe zuzuhören. Im Gespräch mit Jareks Lehrern kam heraus, dass sie die Probleme auch mit anderen Kindern und Leo kannten. Sie machten mir den Eindruck von Ratlosigkeit. Jarek baute auf unsere Antworten und Tipps.

Andererseits fand er Anschluss in eine Jungsgruppe, die mit ihm zusammen Lego baute oder Kapla spielte und er betonte immer wieder, wie schön er es finde mit Jacob und Co zusammen zu sein. Bis eines Tages einige Kinder aus der Gruppe gestoßen wurden, weil sie noch keine 7 Jahre alt waren. Jarek konnte überhaupt nicht verstehen, warum man ein bestimmtes Alter für Freundschaften brauchte.

Das Töpfern war seine Leidenschaft. Ich war ein Mal dabei und schaute eine Stunde zu, weil er noch nicht fertig war zur Abholzeit. Es war wunderbar zu sehen, wie vertieft und selig er mit seinem Ton spielte und wie zufrieden er mit seinem Ergebnis war. Als Jarek eines Abends sagte, ich könne ihn morgen vor dem Töpfern abholen, hakte ich nach. Und fand heraus, dass es ältere Kinder gab, die die Führung übernommen hatten, statt der Lehrer. Das war zwei Mal passiert und Jarek entschied sich danach, nicht mehr hin zu gehen. Er sagte mir, dass er sich nicht mehr konzentrieren könne weil die anderen so laut wären und einige wenige Kinder die getöpferten Sachen von anderen kaputt machen würden.  Wir Eltern fragten uns: Sollten wir jetzt ernsthaft einen privaten Töpferkurs für ihn organisieren, nur weil der Lehrer die Kinder nicht „unter Kontrolle“ hatte? Wieso entwickeln Kinder ekelhafte Charakterzüge wenn sie untereinander sind?

Es kam der Abend an dem Jarek ganz beiläufig erwähnte, dass wir ihn am nächsten Morgen nicht wecken bräuchten. Er wolle ausschlafen und danach dies und jenes tun und eh nur noch ein Mal in die Schule gehen zum Tschüß sagen. Das war der Moment in dem ich einen innerlichen Befreiungsschlag fühlte, der Moment in dem ich spürte, dass mein Kind mit sich selbst verbunden ist, der Moment in dem ich wusste, dass er sich schützen kann. Ich hatte darauf gewartet dass es von ihm kam, dass er selber sagen würde, wenn die Grenze erreicht war. Wir meldeten Jarek und mich polizeilich aus Deutschland ab. Nie wieder haben wir einen Mucks gehört dass er in die Schule gehen will. Im Gegenteil…

Die Tiefe, das Abtauchen in Themen, die Neugierde am Leben, an der Natur, an Maschinen, an Menschen ist wieder da. Die Konzentration in eine Sache, wird vollkommen ausgelebt und der Ehrgeiz etwas zu lernen ist natürlich vorhanden, nicht künstlich. Er durchlebt wieder Phasen in denen er sich stundenlang einem Buch widmet oder malt, in denen er ohne Pause Lego baut oder von seinen Träumen erzählt.

Wir sind alle so glücklich mit diesem Weg. Es geht uns wunderbar damit!

Wir sind so dankbar dass wir unserem Sohn dieses Leben in Freiheit ermöglichen können, dass wir hinhorchen und ihn begleiten können wenn er Hilfe braucht und dass er hier seinem Wesen entsprechend gedeihen kann- mit einem selbstbestimmten Lehrplan und vielseitigen Eindrücken die die Welt mit sich bringt.

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Vielen Dank für das teilen deiner Erfahrung. Uns steht dieses Jahr auch die Einschulung bevor und ich hab Bauchweh nur wenn ich daran denke. Es tut so gut zu lesen wie andere Lösungswege finden und macht Mut für den eigenen Weg!

    Antworten
    • Liebe Simona, vielen Dank für deine Nachricht. Ja, es ist manchmal ein holpriger Weg bis man die passende Lösung für sich gefunden hat.
      Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr eine gute Entscheidung treffen werdet. Alles Liebe!

      Antworten

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