Im Zirkuswagen leben in Deutschland im Winter bei -10°C

Leben im Zirkuswagen, bei -10 Grad und ohne fließend Wasser

Dass wir abenteuerlustig sind, ist ja schon lange kein Geheimnis mehr…

Nachdem wir Ende letzten Jahres also einige Wochen in einer stinknormalen Wohnung gewohnt haben und uns wirklich eingeengt fühlten, entschieden wir uns kurz vor Weihnachten, den Winter in einem Zirkuswagen zu verbringen. Anfang Januar packten wir also unsere sieben Sachen zusammen, setzten uns in den Zug und fuhren Richtung Holland. Unsere Gefühle reichten von Ungewissheit bis hin zu Freude und vor allem Aufregung. Wir kannten weder die Menschen, die uns den Wagen zur Verfügung stellen würden, noch den Zirkusanhänger selber. Man könnte sagen, wir wussten überhaupt nichts, außer der Adresse. Die Zugfahrt dauerte viele Stunden und die Bahn, die für ihre Pünktlichkeit nicht grade bekannt ist, ließ uns auch an diesem Tag wiedermal im Stich, sodass wir erst in der Dunkelheit auf dem auserwählten Hof ankamen.

Als Familie im Zirkuswagen leben
Unser Zuhause für einen Winter

Unser neues Zuhause war gemütlich eingerichtet und mollig warm beheizt, als wir zum ersten Mal unsere Nasen hineinsteckten und ich für einige Millisekunden den Atem anhielt, in der Hoffnung, dass wir einen Volltreffer landeten und keine Pleite. Das Licht war ziemlich matt und wir hatten nur zwei kleine Lampen, die uns den ersten Einblick sichtbar machten. Doch was ich erblickte erfreute mich sehr. Der Wagen machte einen super gepflegten Eindruck, verfügt über zwei voneinander abgeschlossene Abteile und ist ziemlich schön, also zumindest nach meinem Geschmack, eingerichtet. Rund ums Dach findet man eine Reihe von Oberlichtern, die aus dem Heim zusätzlich zu den sechs normalen Fenstern und der verglasten Türe, einen lichtdurchfluteten Ort machen. Die Wände sind aus weiß lackiertem Holz und die Decke aus Stroh. Wir verfügen über einen Ofen, eine Gasheizung und zwei kleine Konvektoren. Ein Tisch mit einer Sitzbank und zwei Stühlen und ein leerer Bodenbereich, der zum Spielen einlädt, rundet das Platzangebot ab. Platz zum Lego bauen ist also vorhanden und somit der erste Punkt meiner imaginären Liste abgehakt.

Wir leben und arbeiten hier, nutzen die gemeinschaftliche Außen(!)küche, um unser Essen zuzubereiten und den großen Gemeinschaftsraum, um Mahlzeiten einzunehmen und den menschlichen Austausch an diesem Ort zu pflegen. Den Status, den wir hier haben nennt sich WWOOFer (Willing Workers On Organic Farms) und er beinhaltet im Prinzip einen Tauschhandel. Peter arbeitet 30 Stunden mit, ich koche und erledige Haushaltsarbeiten und dafür bekommen wir kostenfrei eine Unterkunft und Essen, Gas und dürfen sogar ein Auto mitbenutzen. Für Außenstehende mag es den Anschein eines ungemütlichen Lebens machen, wenn wir nach dem Duschen mit nassen Haaren und einem Handtuch durch den Schnee latschen und unser Wasser hunderte Meter weit tagtäglich in den Zirkuswagen schleppen müssen. Menschen, die uns besuchen kommen, staunen über die Enge des Raumes und das riesige Bett, in dem wir zu fünft schlafen. Ich habe mir in der letzten Zeit einige Gedanken zu den Aussagen unserer Besucher gemacht und ich bin für mich zu einem Schluss gekommen. Mir ist bewusst was sie meinen und manchmal habe ich Sehnsucht nach einer heißen Badewanne (seitdem wir unterwegs sind, ist das das einzige was ich wirklich manchmal vermisse), doch wenn ich abends aus dem Fenster schaue, sehe ich die Schafe weiden, die Vögel höre ich zwitschern und jedes Grad Temperaturunterschied im Außen ist auch im Wagen fühlbar.

Im deutschen Winter im Zirkuswagen leben
Blick aus dem Fenster unseres Zirkuswagens

Ich spüre die Wiese förmlich unter meinen Füßen, denn zwischen Fußboden und Erde befinden sich nur Holzdielen und einige Zentimeter Luft. Kein Beton, kein Zement, nichts durchbricht den Kontakt und das Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein. Wenn ich morgens aufwache, kann ich mit relativer Sicherheit sagen, wie kalt oder warm es ist, denn das Wetter schlägt unverfälscht in unseren Raum. Manchmal bildet sich über Nacht Eis auf den Fensterscheiben und ich beobachte, wir die Sonnenstrahlen es langsam zum schmelzen bringen. Der Zwang, täglich durch Matsch, Eis, Schnee oder Gras zu laufen, erfüllt mich immer wieder mit einem Glücksgefühl. Das ist für mich wirkliches Leben mit der Natur und das befriedigt mich viel mehr, als meine Zeit in Wohnungen oder Häusern zu verbringen, die zwar jeglichen Luxus haben, mich aber von der Schönheit und Vielfalt unserer Erde abschneiden.

Jeden Morgen nach dem Zähneputzen leere ich draußen die Schüssel, die wir als Waschbecken benutzen, stelle die Wasserkrüge auf das runde Tablet, ziehe drei Kinder an und mich selbst und watschel mit ihnen hinüber in das große Gemeinschaftshaus um zu frühstücken. Immer, wenn ich duschen möchte, muss ich vorher meine Tasche mit Handtuch und Kleidung packen und unsere dreckige Wäsche tragen wir ebenso hin und her. Es ist gar nicht so einfach, diese Art des Wohnens zu beschreiben und wenn ich meine Zeilen lese, wird mir klar, dass dieser Lebensstil nicht für alle Menschen schön wäre. Und das ist ja auch total in Ordnung. Es ändert nur überhaupt nichts daran, dass ich tagtäglich in meinem Herzen spüre, dass der Ausbruch aus der Wohnung, zuerst ins Wohnmobil, jetzt im Zirkuswagen, einer der wichtigsten, wertvollsten und wunderbarsten Schritte war, den wir als Paar gemeinsam entschieden haben. Die Anbindung an Jahreszeiten, Tiere und Pflanzen, könnte kaum näher und intensiver sein, als hier. Und das ist, was ich so sehr liebe!

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Mich hat die Art und Weise wie ihr dort lebt auch sehr erstaunt. Für einen Urlaub könnte ich mir eine solche Art zu leben auch vorstellen. Ansonsten war ich über euren Minimalismus überrascht. Das wäre mir in der Jahreszeit und für eine so lange Zeit einfach zu wenig Komfort. Dennoch bin ich froh darüber, dass ihr mit dieser Art zu leben gut klarkommt und ganz offensichtlich auch zufrieden seid. Jeder nach seinem eigenen Empfinden und Hauptsache ihr seid glücklich und euch sicher, dass es auch ein guter Weg für die Kinder ist.

    Antworten
    • lilaranunkel
      12. März 2018 08:13

      Hey Heinz,
      Danke für deine Sicht. Als letztes Ziel können wir uns diese Art zu leben, zumindest mit nur einem Wagen, nicht vorstellen. Im Moment ist es aber gut so.

      Antworten

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