Sexueller Missbrauch – mir ist es passiert

Keine Ahnung, was gewesen wäre wenn… ach, immer dieser Konjunktiv.

Was wäre gewesen, wenn ich meine Musik nicht gehabt hätte, meine Freunde nicht da gewesen und meine fünf in Mathe mir am Hintern vorbei gegangen wäre?

Der Konjunktiv, ja, in deutsch war ich nicht schlecht, begleitet mich seit vielen Jahren. Man könnte auch sagen, er quatscht mir ständig dazwischen. Nämlich immer dann, wenn ich versuche, mir auszumalen, wie hätte, könnte, wäre mein Leben versüßt hätte. Da haben wir es schon wieder, das hätte.

Damals, ich ich ein Teenager in meinen wildesten Jahren der Hormoncocktails, dem unbändigen Willen nach Freiheit und dem belastenden Gefühl der Einsamkeit war, und das muss ich wirklich feststellen, hat mir die Musik das Leben gerettet.

„Bass, Bass, wir brauchen Bass!“ sang Das Bo. Jawohl. Je fetter, desto besser. Je lauter, desto betäubender!

Und schon schwangen sich meine Hüften im Takt der Melodie und der Ganzkörperspiegel galt täglich als mein Spiegel – im wahrsten Sinne des Wortes.

Sehe ich gut aus?
Bin ich hübsch?
Kann ich sexy?

Puh, ein ständiges Bewerten meiner Bewegungen, aber gleichzeitig tiefster Genuss.

Genuss deshalb, weil ich endlich abschalten konnte von dem ganzen Wahnsinn der mich umgab!

Ein sexueller Übergriff, durch eine mir bekannte Person, lag hinter mir.

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an diesen Tag im Jahre 2000.

Meine Seele war gerade 11 Jahre lang inkarniert, als es passierte. Sehr plötzlich. Ohne Vorwarnung. Mit einer erschreckenden Klarheit in den Handlungen meines Gegenübers.

Nein, nicht meines Gegenübers. Meines Täters, der wohl eher über mir stand, als daneben.

Kurz mal atmen, während ich die Zeilen schreibe…

Es ist nicht einfach, mich damit verletzlich zu zeigen, aber es ist wichtig!

Es ist wichtig, dass jeder Mensch, der sexuellen Missbrauch erlebt hat, dieses Tabu bricht und sich mitteilt!

Es wird sich viel zu wenig ändern, wenn wir die Schnauze halten, wenn wir vor unseren eigenen Wunden weglaufen und hoffen, dass Verdrängung der Weg bis ins Grab ist.

Ich habs selbst auch versucht. So erinnere ich mich ganz genau an die erste Therapiestunde, in die meine Mutter mich geschleift hatte.

Es muss ca. 8 Monate nach dem Übergriff gewesen sein, zwei Monate nachdem ich einer Wildfremden im Urlaub meine Geschichte anvertraut hatte, die sie anschließend meiner Mutter erzählte.

Ich hätte diese Frau damals am liebsten erwürgt. Ich fühlte mich verraten und wäre vor Scham lieber im Erdboden versunken.

Der Raum bei der Therapeutin war eigentlich angenehm gestaltet. Trotzdem hatte ich nicht die Absicht, ihr auch nur ein einziges Detail anzuvertrauen!

Alles was ich wollte war, dieses Thema ein für alle mal tief zu vergraben und nie wieder einen Ton darüber zu verlieren!

Andererseits wünschte ich mir Zuneigung, Nähe und das Gefühl, gehört zu werden. In mir fand ein Krieg zwischen den Gefühlen statt und ich stand mittendrin, hopste von links nach rechts und konnte am Ende, vor lauter Verzweiflung, nur noch schreien!

Geschrien habe ich tatsächlich regelmäßig. Vorzugsweise an meine Mutter, meinen Stiefvater oder meine drei Brüder gerichtet. Oft auch in mein Kissen, weil der Druck so hoch war, dass ich es kaum aushalten konnte.

Bis heute knalle ich Türen, wenn ich richtig sauer bin. Meine Mitmenschen hassen das. Für mich ist es ein gutes Ventil, um die Teller im Schrank zu lassen.

Ich weiß noch, wie sehr ich als Jugendliche Gewitter liebte. Dieses Knallen, Rumsen, heftiger Regen, der sich mit meinen Tränen vermischte.

Beim Schreiben fällt mir auf, dass ich schwer atme. Gleich brauche ich eine Pause…

Das Schlimmste an der Situation damals war (und ist) die Frage nach dem „Warum hat ER es getan?“

Warum dieser Mann, den ich kannte, dem ich vertraute, den ich regelmäßig sah?

Noch heute trägt diese Tatsache dazu bei, dass ich selbst bei engen Vertrauten immer in Hab Acht Stellung bin.

Ob es das Kind auf dem Schoß ist, eine merkwürdige Bemerkung oder der Umgang mit Körperkontakt, meine Antennen sind konstant und zuverlässig.

Was so ein Ereignis auslösen kann, ist unvorstellbar, wenn man es (hoffentlich) nie selbst erleben musste.

Wie man jedoch sein Leben trotzdem in etwas Gutes transformieren kann, das habe ich selbst erleben dürfen!

Jetzt ist Zeit für eine Pause. Teil 2 folgt, sobald ich dazu bereit bin…

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