Sind traumatisierte Mütter schlechtere Mütter?

Traumatisierte Mütter sollten besser keine Kinder bekommen?!

Ich sehe es bildlich vor mir, ich als 22-jährige Löwin, so breitschultrig wie eben möglich, mit erhobenem Kopf und in voller 1,62m Größe vor meiner Verwandten stehend und mit meinem Blick warnend, keinen Laut mehr von sich zu geben!

Oh, wie sehr diese Dame meine Wunde zu triggern wusste. Ein Piks und aus mir schoss der Ätna in Menschengestalt.

Die Situationen, in denen mein Nervensystem, im Beisein anderer Menschen kollabierte und daraus folglich eine Lawine aus Wut, Angriffslust und Kampfbereitschaft entstand, häuften sich vor allem in den ersten Jahren meiner Mutterschaft.

Mit zwanzig Jahren Mutter zu werden, war ein Traum auf dessen Erfüllung ich nicht warten musste. Mein kleiner, zuckersüßer, braunäugiger Sohn war das Geschenk des Himmels und so weiß ich heute, er kappte das Band meiner unschönen Jugend zum Erwachsensein.

Endlich war ich Mutter, konnte meine unterdrückte Liebe an dieses wunderschöne Wesen weitergeben, mich kümmern, ihn versorgen und alles an Hingabe in diese neue Lebensphase geben.

Kaum mit Worten zu beschreiben, wie tief ich wieder die Liebe spüren und in mein Leben lassen konnte.

Damals war ich mir dieses Mechanismus nicht bewusst.

Auch war mir klar: Wer Mama ist, dem gebührt Respekt. Doch weit gefehlt!

Ich hatte vergessen, dass junge Mütter, die noch wie ein Teenie aussehen, weder Respekt, noch Anerkennung erhalten.

Keine Ahnung, wie oft ich in den neun Monaten der Schwangerschaft Sätze hörte wie: „Das war aber ein Unfall, oder?“ „Wir sind geschockt, Katharina!“ „So kann man sich auch sein Leben versauen!“

Heute würde ich diesen Menschen kein Gehör mehr schenken, doch heute bin ich auch 14 Jahre älter, habe zwei weitere Wunderwesen auf die Welt gebracht, zwei Fehlgeburten durchgemacht und mich von den meisten dieser Negativ-Menschen getrennt.

Heute kann ich mit beiden Füßen auf dem Boden stehend sagen, dass ich damals eine wunderbare junge Mutter war, die ihren Kindern so viel Aufmerksamkeit und Liebe schenkte, dass andere, auch ältere, sich daran ein Beispiel nehmen können.

Doch damals, da ging mein Nervenkostüm oder soll ich besser sagen, mein Traumakostüm regelmäßig mit mir durch.

Trauma, dieses Wort kannte ich bis vor einigen Jahren noch nicht mal.

Was bedeutet es genau?

„…Der Begriff Trauma (Mehrzahl Traumata) bedeutet psychische Ausnahmesituation („Psychotrauma“). Ausgelöst durch überwältigende Ereignisse (z.B. Gewalttat, Krieg oder Katastrophe), die eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Betroffenen oder einer nahestehenden Person darstellt…“

Nun gut, davon gibt es einige in meiner Biografie zu finden. Doch besonders prägend wird wohl der sexuelle Übergriff gewesen sein, wobei der interne Familienkrieg nicht besonders zur Heilung beigetragen haben wird.

Und bitte, ich schreibe diese Sätze nicht, um Schuldige zu finden oder meinen Müll im Internet zu verbreiten, sondern weil ich selbst einige Verhaltensmuster verstanden habe, die für dich wertvoll sein könnten.

Obwohl, ich muss mich korrigieren. Ja, es gibt sie, die Menschen die mein Leben nicht bereichert, sondern beschmutzt haben. Doch darum geht´s hier nicht.

Als ich damals also Mutter wurde, da schellten meine Alarmglocken grell und vor allem super schnell. Der kleine Piks reichte aus, um eine Wut in mir hochkochen zu lassen, die sich mit der Lava eines Vulkans gleichtun könnte.

Ich wurde laut, schrie, fuchtelte mit den Händen wild in der Luft herum und tat vor allem eines: Ich stellte mich schützend vor meine Kinder. Niemand durfte der Brut weh tun, weder körperlich, noch psychisch.

Gesagtes Wort filterte mein System in Windeseile und Zack, war der Stempel drauf: Annehmbar oder nicht.

Und wenn mein Filter mich alarmierte, dann sprang ich auf und tat kund, was ich für unangebracht hielt.

Und um das einmal klarzustellen: Es muss mitunter schwierig gewesen sein, sich mit mir zu umgeben und gleichzeitig kann ich im Nachhinein erkennen, welche Trigger mein Verhalten wiederum bei meinen Mitmenschen auslöste.

Eine Teufelsspirale, die damals den größeren Familienzusammenhalt zutiefst schwächte und dessen Ursprung sicherlich nicht allein in meinem Trauma zu finden ist.

Bring traumatisierte und angeblich erwachsene Menschen auf einen Haufen und die Bombe tickt.

Und doch, heute sitze ich hier, bin 14 Jahre gereifter, habe etliche weitere Therapiestunden hinter mir und an meiner emotionalen Scheiße gearbeitet, um endlich mehr Frieden in diese Welt zu bringen und kann stolz, ja wirklich stolz behaupten, ich habe so viel für mich erreicht!

Die Löwenmama bin ich nach wie vor und das ist, verdammt nochmal, gut so!

Die brodelnde und cholerische Katharina kann ich nach wie vor sein, aber dazu musst du meine Grenze ausdauernd und vielfach triggern. Ansonsten bekommst du ein klares Stopp von mir und musst dich meiner klaren Wut nicht stellen.

Und doch sitze ich manchmal auf dem Sofa oder liege abends im Bett und gehe hart mit mir ins Gericht. Weil ich noch immer nicht so entspannt lebe wie Peter.

Weil mir noch immer das Vertrauen in Männer fehlt.

Weil es mich ängstigt, im Dunkeln alleine draußen zu sein und, je nach Umgebung, sogar am Tag.

Weil ich Unsicherheit und Trauer in mir trage, die ich manchmal gerne mit einem Arschtritt ins Universum kicken würde.

Weil ich emotional unglaublich stark bin und mir sowohl Freude und Dankbarkeit so vertraut sind, wie auch Frust und Ärger.

Weil ich Dinge ernster nehme als andere und mich damit stresse und meinen Körper aus dem Gleichgewicht bringe.

Ja, weil ich einfach gebranntmarkt bin und nicht das freie Vögelchen, welches stets fröhlich durch die Welt zwitschert.

Aber dann merke ich etwas, was mich auszeichnet, etwas, was Menschen so sehr an mir schätzen und etwas, was garantiert aus all dem Müll entstanden ist, der stinkt und mieft:

Meine Loyalität in Beziehungen! Und meine tiefe Liebe zu meinem Gegenüber.

Oh, wie tief ich die Liebe spüren kann und wie wichtig mir Menschen sein können.

Klar, Menschen, die mir Respekt zollen, so wie ich ihnen.

Menschen, die meine Emotionen händeln und mit ihnen tanzen können, weil sie selbst so tief fühlen oder davon inspiriert werden (wie auch mein Mann).

Menschen, die das Zerbrechliche in meinem Herzen sehen, weil sie einen Teil meiner zerschmetternden Vergangenheit kennen und das Starke in meiner Brust, welches ich durch all diese Erfahrungen bis zur Meisterschaft ausbilden durfte.

Ying und Yang, Schwarz und Weiß, Licht und Schatten… Ich habe verstanden und kann es spüren, dass all diese Anteile in jedem von uns wohnen.

Die Frage ist immer, wie lange schauen wir dem Schatten ins Gesicht? Wie lange gewähren wir der Angst, dass sie ein Stimmrecht hat?

Leichter gesagt als getan. Definitiv!

Und doch, all die Stunden beim Therapeuten, all die anstrengenden Trigger, die ich in über 30 Jahren meines Lebens bekommen habe, waren und sind es wert, wieder und wieder zu reflektieren und Ballast abzuwerfen.

Packen, zusammenquetschen, drauf spucken, Arme hoch und über Bord damit.

Auf dass der Scheiß unserer Kindheit und Jugend unser Erwachsenenleben nicht mehr formt!

Lassen wir ihn ersaufen, sich auflösen und auf dem Boden der neuen Tatsachen zur Ruhe kommen.

Denn nur wer innere Ruhe erlangt, kann sein Trauma in ein zufriedenes, gesundes und erfüllendes Leben transformieren.

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