Wir hatten die Schnauze voll

Wir sind zu fünft. Eine Frau, ein Mann, zwei Jungs und ein Mädel

Und wir haben etwas, worum uns viele Menschen beneiden: Nämlich Zeit! Zeit miteinander, füreinander und Zeit für Jeden von uns alleine. Wir besitzen ein mittelgroßes Wohnmobil und eine Lagerbox mit einigen wenigen Kisten, gefüllt mit Kinderklamotten, Fotoalben und alten Liebesbriefen. Was wir nicht besitzen oder bewohnen, ist eine Wohnung. Wir leben in unserem Wohnmobil seit November 2016 und reisten die letzten sechs Monate mit Karl-Heinz quer durch Österreich und Italien, bis wir ganz unten auf Sizilien waren. Bereits vor dem Antritt der Reise war ich ein Mensch, der ziemlich genau wusste, was er gut findet und was nicht. Offen für neue Denkmuster und Ideen bin ich nach wie vor.

Wie das Reisen die Beziehung zu meinen Kindern veränderteEin Antrieb, unser Leben zu verändern, war die große Sehnsucht nach Ruhe! Ich hatte die Schnauze einfach voll von den Problemen Anderer, vom Mangeldenken meiner Mitmenschen und vom eigenen rumheulen, denn mein Alltag war geprägt von einem arbeitenden Mann, einer Wohnung direkt an den Gleisen der Züge, stinkenden Autos und lauten Straßenbahnen. Immer wieder hatte ich mich gefragt, ob ich am Ende meines Lebens echt dastehen wollen würde mit dem Satz: Hätte ich damals mal… Ich entschied mich dagegen und für den Schritt in Richtung Freiheit.

Im November letzten Jahres gings endlich los. In Italien angekommen und voller Vorfreude auf einen milden Winter, in einem echt engen Wohnmobil ohne Familienbett und mit wahnsinnig fröhlichen Kindern, genoss ich die Stille. Schnell wurde für uns klar, dass wir vorerst nur Stellplätze aufsuchen würden, die am Meer liegen. Wir standen also für fünf Monate lang fast ununterbrochen am Meer. Ich liebte die Weite, die saubere Luft, die fremde, mir unverständliche Sprache und die Einsamkeit der Strände. Es war fast nichts los in Italien, denn für die Italiener war schließlich tiefster Winter, während meine Kinder glücklich im Wasser herum hüpften. Mit den schrägen Blicken der Einheimischen konnte ich gut leben und auch mit dieser wunderbaren Ruhe, die uns alle umgab.

Ich spürte, dass ich in jedem Moment am richtigen Ort war. Ich wusste, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten und mein ganzer Körper wehrte sich allein bei dem Gedanken, nach Leipzig zurückkehren zu müssen. Es war alles perfekt! Wir waren zusammen als Paar, unsere Kinder gaben uns täglich das Feedback, dass das Leben Spaß mache und ich genoss jeden Atemzug!

Wie das Reisen die Beziehung zu meinen Kindern veränderteIm März spürte ich recht plötzlich eine aufkommende Unruhe in mir. Auch mein Mann Peter merkte, dass sich etwas verändert hatte. Unser ältester Sohn Jarek (7) zeigte uns auf einmal sehr deutlich, dass das Wohnmobil für ihn nicht mehr der richtige Ort war. Ich fühlte mich innerlich gestresst. Alte Themen krochen an die Oberfläche und ich konnte die Stille und Ruhe kaum noch ertragen. Ich wollte mich ablenken, suchte nach Höfen, auf denen wir mitarbeiten könnten und arbeitete viel am Computer. Das Gefühl steigerte sich von Tag zu Tag und auch in mir sagte eine leise Stimme, dass Deutschland jetzt perfekt wäre. Ziemlich schnell kapierte ich, dass das Verlangen nach Deutschland, der

scheinbare Ausweg ins gewohnte Nest, ein Fluchtmechanismus ist. Denn, nach Deutschland reisen hätte bedeutet, wir fahren mit dem Auto lange Strecken, durch große, reiz überflutete Städte hindurch und möglichst ohne Pausen. Das hätte nichts anderes bedeutet, als Schmerzliches zu ignorieren, wegzudrücken und mich abzulenken. Meine Idee kam nicht durch. Peter war absolut dagegen, bereits zurückzufahren und auch Mio arrangierte sich wieder besser mit der Situation. Ich hingegen quälte mich. Themen, die ich bereits zu den Akten gelegt hatte, kamen mit einer solchen Wucht nach oben geschossen, sodass ich mich völlig überrumpelt fühlte.

Eines Tages beschloss ich, sie mir anzuschauen, statt vor ihnen wegzulaufen. Ich spürte den ganzen Schmerz, ich weinte und klagte und tat mir manchmal auch noch selber leid.

Mit einer solchen Phase hatte ich nicht gerechnet, dachte ich doch, dass ein Lebenswandel und der Besuch an wunderschöne Orte, nur positives anziehen könne. Ich brauchte ca. drei Wochen bis ich endlich wieder spürte, dass es leichter wurde. Bis ich bereit war, mit Menschen zu telefonieren und ich wieder fremdes an mich ran lassen konnte.

Nun sind wir seit einer Woche in Deutschland. Uns was ich hier momentan erlebe ist einfach wunderschön, faszinierend und unglaublich. Ich fühle mich stark, klar und

seelenruhig. Offenbar hat mir diese Reise mehr mitgegeben als angenommen. Ich bin durch Stürme gegangen, um mit einer Gelassenheit wieder herauszukommen, die ich vorher niemals so in mir gespürt habe. Ich habe Täler durchschritten und gedacht, wahnsinnig zu werden, um mit viel Lebensenergie und Gelassenheit auf den Berg hochzuklettern.

Ich verzichte seit unserem Aufenthalt großzügig auf Rechtfertigungen meinerseits oder Diskussionen. Ich fühle mich authentisch und kann mich viel besser selbst beherrschen. Wäre ich vor einem halben Jahr aus Ärger aus der Haut gefahren, gelingt es mir heute, meine Wut innerlich zu bündeln, sie bei mir zu behalten und zu verarbeiten. Auch in Bezug auf die Umgangs -und Lebensform mit unseren Kindern kann ich meine Position klar aber freundlich rüber bringen, ohne mich in Situationen auf Kompromisse einzulassen, an denen ich keine machen möchte.

Meinen Kindern kommt es sehr zu gute, dass sie mich, vor allem in Gegenwart bestimmter Personen, nun absolut authentisch und mich selbst liebend erleben. Noch vor einem halben Jahr hätte ich niemals diese Kraft und Klarheit ausstrahlen können, die nun von ganz tief innen kommt. Und auch das Verhältnis zu meinen drei Kindern ist noch schöner geworden. Dadurch, dass wir auch während der Reise einige große Herausforderungen erleben durften, haben wir ein gutes Gefühl dafür bekommen, was geht und was nicht. Jeder mit jedem. Ich spüre ein starkes, liebevolles und unzertrennliches Band zwischen uns. Meine Liebe kann ich offener und herzlicher mitteilen und auch Peter und ich haben uns intensiver kennengelernt. Für uns sind viele Dinge in der Alltagsorganisation selbstverständlicher geworden und wir packen es zusammen richtig gut an. Unsere Kommunikation hat sich wunderbar erweitert. Wir stimmen uns noch mehr aufeinander ein und haben einen größeren Respekt vor dem Partner.

Dass ich unsere Reise erleben durfte, ist ein großes Geschenk. Dass Karl-Heinz uns heil und ohne Zwischenstopp in der Werkstatt, nach Deutschland gefahren hat, gleicht bei diesem Auto einem Wunder. Und dass ich nun hier sitze und meine Erfahrungen aufschreibe, freut mich aus tiefstem Herzen. Ich bin so dankbar für das letzte halbe Jahr. Dankbar für die Probleme und Herausforderungen, die unsere Reise mit sich gebracht hat, dankbar für die Themen, die ich in großer Ruhe bearbeiten durfte und so unendlich dankbar für meine Familie und unser Zusammensein!

Worauf wartest du noch? Brennt es in dir und du weißt nicht, wie du die ersten Schritte gehen sollst? Hast du Angst zu scheitern oder einem Lebenswandel nicht gewachsen zu sein? Dann möchte ich dir mit auf den Weg geben: Schreibe deine Ideen auf und mache noch heute den ersten Schritt Richtung Traum. Wie groß dieser Schritt ist, entscheidest du selbst. Aber schreite voran. Beweg dich. Warte nicht auf bessere Zeiten. Das Leben läuft Jetzt! Unaufhaltsam. Und es kann so wunderschön sein. Mit all seinen Höhen und Tiefen, mit all seinen Freuden und Ängsten, mit all seiner Liebe!

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8 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Das hast Du einfach wunderschön geschrieben, der Text ist direkt bei mir angekommen und ich konnte mitfühlen. Ich freue mich mit euch, dass ihr eine so schöne Reise erleben durftet. Die Erinnerungen kann einem keiner mehr nehmen. Liebe Grüße

    Antworten
    • lilaranunkel
      16. August 2017 23:19

      Liebe Lydia,
      herzlichen Dank für deine Nachricht. Ich freue mich sehr, wenn ich Menschen erreichen kann.
      Alles Liebe für dich! Katharina

      Antworten
  • Toll geschrieben, sehr authentisch und ehrlich. Ging mir direkt ins Herz ❤
    Bin gespannt wie es bei Euch weitergeht ☀?

    Antworten
  • Das habe ich mit Freude gelesen! Schön, dass du es so klar formulierst. Du sprichst mir aus der Seele. Genau diese Gedanken kenne ich von unseren Reisen. Ich empfinde diese innere Stärke als magisch und fühle, da geht noch mehr?

    Antworten
  • … und diese ausgeglichene, klar positionierte Katharina mit ihrem Schatz und den drei Schätzchen habe ich vor kurzem kennen gelernt! Ich freu mich auf den Beginn des Abenteuers unseres Lebens !!! <3

    Antworten

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