Wo ist die Hilfsbereitschaft der Deutschen hin verschwunden?

Unser Weg führte uns zur Farm zurück, auf der wir bereits waren.

Die Tage waren geprägt von Kälte und Schietwetter. Es regnete ständig und die Kinder verzogen sich fast ausschließlich ins Haus der Besitzer.

Wir kochten gemeinsam und unterhielten und viel über Gott und die Welt.

Komposttoiletten und ihr Nutzen
Komposttoiletten sind erstaunlich angenehm

Was bei mir mehrmals täglich einen kurzen Atemstillstand hervorrief war die Tatsache, dass die Schwangere im Prinzip Kettenraucherin ist. Ich möchte das nicht verurteilen und respektiere diese Entscheidung und gleichzeitig bin ich es nicht gewohnt aus meinem Umfeld. In mir kamen Fragen hoch wie: Wieso raucht jemand weiter obwohl er selber Doula (Geburtsbegleiterin) ist und ansonsten gänzlich Pionierarbeit leistet in Bezug auf Nachhaltigkeit, ökologischem Anbau etc.?

Auch der Freund des Hauses Carmelo stattete regelmäßige Besuche ab und beschenkte uns mit feinen Sachen wie Öl, Marmelade und Kürbis. Er ist der Opa der Kinder, wenn auch nicht genetisch, und kümmert sich rührend um alle Belange.

Er war es auch der uns zu einem italienischen Kindergeburtstag mitnahm. Das kleine Mädchen der Farm wurde drei Jahre alt und das ist in Italien Grund zum ordentlichen feiern. Dafür wurde eine Örtlichkeit angemietet und eine riesige Torte beim Bäcker bestellt, mit Namen drauf, und viele Kinder und Erwachsene eingeladen. Unsere Kinder genossen es sehr. Sie durften kneten, toben und schaukeln und wir saßen herum und unterhielten uns mal hier mal da, auf englisch, mit anderen Eltern.

Peter bekam sogar ein selbstgebrautes Bier im American style von der Bar nebenan, die ihren Hinterausgang zum Fest hinaus hatte.

Leider trennten sich unsere Wege vorerst nach fünf Tagen. Die Familien wohnen dann bei ihren eigenen Familien und ihnen war so kalt, dass sie sich entschieden vorerst nicht zum Grundstück zurück zu kommen. Wir erhielten zwar das Angebot zu bleiben oder mit

einer Familie in ihre Wohnung zu kommen, lehnten dies jedoch dankend ab, da wir keine Lust auf erneute Flöhe hatten. Bei Verabschieden schenkten wir ihnen aus gegebenem Anlass unsere Flasche Anti-Flohmittel und sagten dann Auf Wiedersehen.

Nachdem wir Notwendigkeiten wie Gasflasche besorgen, einkaufen und Wasser auffüllen erledigt hatten, kehrten wir nach Ardore zum Strand zurück um dort eine Nacht zu bleiben.

Es zog uns Richtung Sizilien und wir hatten das Bedürfnis so schnell wie möglich zur Fähre zu fahren.

In Reggio Calabria angekommen,

machten wir abends einen schönen Strandspaziergang und schliefen dann direkt neben einer Disco (nein, das wussten wir vorher nicht) am Hafen ein.

Der darauffolgende Morgen sollte unser Abfahrtstag sein und als wir uns am Hafen befanden, erfuhren wir, dass hier sonntags keine einzige Fähre abfuhr. Wir mussten auf San Giovanni ausweichen, fuhren dort zum Ticketverkauf und standen nun am Schalter als ein grauhaariger, alter

Fähre vom Festland nach Sizilien
Im großen Bauch der Fähre nach Sizilien

Mann mich auf deutsch ansprach. Er wollte wissen ob ich ein Ticket kaufen wolle, für den Camper? Ja, das war mein Vorhaben. Daraufhin übermittelte er dem Verkäufer auf italienisch was ich brauche. Ich fand das alles ziemlich entgegenkommend und nett. Bis zu dem Zeitpunkt als er mir förmlich auf die Füße trat und Trinkgeld verlangte. Da fing es an mich zu ärgern, denn die Fährüberfahrt hatte unser letztes Bargeld gefressen und ich hatte gern zur Sicherheit noch etwas dabei. Nun gab ich ihm das Verlangte und fuhr Richtung Fähre weiter.

Die Kinder konnten es kaum glauben, dass wir jetzt in den Bauch dieses großen Schiffs reinfahren würden. Sie machten Riesenaugen und freuten sich ganz offensichtlich auf die Fahrt.

Ganz anders ging es mir. Ich hasse Schifffahrten und würde ich Sizilien nicht lieben, hätte ich mich dagegen gesträubt und wäre nicht auf eine Insel gefahren. Die Freude der Jungs jedoch beruhigte mich etwas als wir oben im Schiff saßen und es anfing zu schaukeln.

Die Fahrt ging recht schnell vorbei. Knappe 40 Minuten später begrüßte uns die Insel mit strahlendem Sonnenschein und wohltuender Wärme. Es war so warm, dass wir uns alle bis aufs Unterhemd auszogen.

Das Wetter sollte sich nicht halten und verschlechterte sich gleichförmig zu meiner Laune. Der Regen begann und hörte nicht mehr auf, die Sonne verschwand gänzlich und der Himmel zog sich komplett zu. Auch ich war kurz davor zu heulen.

Die Nacht war ok. Ich konnte irgendwann einschlafen.

Aus den Häusern schauten ausschließlich ältere Menschen und ihr italienisch war scheinbar so dialektvoll dass wir kein Wort verstanden von dem, was sie uns fragten. Die Kirchturmglocken in dem Dörfchen waren reiner Fake, denn mehrmals täglich spielte der Turm über Lautsprecher die italienische Nationalhymne.

Da wir beide offensichtlich keinen Bock auf Werkstattsuche hatten verbrachten wir dort zwei Nächte bevor es weiterging nach Catania.

Dank des ADACs fanden wir am selben Tag eine Werkstatt die sich unseren Karl-Heinz anschaute und, wiedermal Glück im Unglück, auch gleich reparierte. Die Bremspumpe war im Eimer und wurde ersetzt. Nun bremst er wieder wie am ersten Tag und noch am gleichen Abend begaben wir uns nach Brucoli.

Brucoli wurde uns von Womofreunden empfohlen.

Da wir bald wieder Besuch bekommen und dieser in Catania landet, brauchten wir eine Bleibe in der Nähe. In Großstädten auf öffentlichen Plätzen mit einem Wohnmobil zu stehen ist wahnsinnig (leichtsinnig). Zwar haben wir das auch schon einige Male gemacht, aber nur zur Not.

Unser Platz direkt an der Steilklippe in Brucoli
Unser Platz direkt an der Steilklippe in Brucoli

Das kleine Örtchen Brucoli ist malerisch schön. Wir standen direkt an der Steilklippe und hatten eine wunderbare Aussicht auf das Meer und den Etna. Alles schien perfekt, wären da nicht die deutschen Nachbarn gewesen.

Überall trifft man sie und fast jedes Mal bin ich irgendwann leicht genervt von ihnen.

Dieses kinderunfreundliche und bewertende Verhalten. Ich weiß, dass ich diese Züge auch in mir hab/hatte. Vielleicht fallen sie mir so auf, weil ich nach zweieinhalb Monaten in Italien so viele Menschen getroffen habe, die das Gegenteil verkörpern!?

Nicht, dass die Deutschen grundsätzlich schlechte Menschen sind oder ich hier alle über einen Kamm scheren will.

In Brucoli jedoch trafen wir Menschen durch die wir das Gefühl hatten, kontrolliert zu werden und beobachtet. Wir kamen beispielsweise an einem Tag erneut auf den Platz nachdem wir Unternehmungen gemacht hatten und wollten uns anders herum drehen um eine schönere Aussicht aufs Meer zu haben. Da wir keine Rückfahrkamera haben und ich Johanna stillte, stieg Peter einige Male aus dem Auto aus um sich zu vergewissern dass wir die Klippen nicht runter rollen würden. Und prompt steht der deutsche Nachbar vorm Auto und schüttelt genugtuerisch mit seinem Kopf hin und her. Kein helfen, kein fragen, keine Vorschläge, einfach nur da stehen und seinen Senf in Form von Gesten abgeben. Die Italiener direkt neben uns saßen derweil unberührt auf ihrem Sonnenstuhl und lasen ihr Buch weiter.

Da frage ich mich, warum? Was ist so wichtig daran, jemand anderem das Gefühl zu geben man wäre besser? Warum mischt man sich in die Erziehung anderer ein und petzt sogar das eine Kind bei den Eltern an? Warum ignorieren sie die Kinder oder aber meinen sie maßregeln zu müssen? Warum sind sie so festgefahren in ihrer Denke, so Scheuklappenmäßig drauf? Warum habe ich dieses Gefühl nur bei den aller wenigsten Italienern? Lebt es sich hier aufgrund des Wetters leichter? An der sprachlichen Barriere liegt es wohl eher nicht, versteht man sich doch auch mit Händen und Füßen. Wie deutsch bin ich eigentlich?

Unser Platz direkt an der Steilklippe in Brucoli
Draußen Essen ist wunderbar!

Die Fragenliste könnte ich noch lange weiterführen. Ob ich jemals auf alle Fragen eine Antwort bekommen weiß ich nicht, es gibt mir jedenfalls zu denken und ich merke wie stark sich die Mentalitäten unterscheiden, je länger ich Deutschland den Rücken kehre.

Da es uns mal wieder zum Strand zog, fuhren wir nach fünf Tagen weiter und sind jetzt in Avola.

Und auch hier trafen wir gestern Deutsche, die unsere Kinder nicht beachteten und sich sofort in die Erziehung einmischten. Es geht hier nicht darum dass andere Menschen niemals etwas sagen dürften sondern eher um das Gleichgewicht. Wenn Kinder auf der einen Seite lieb gehabt werden, wahrgenommen und gesehen und in ihrem natürlichen Verhalten ernst genommen und andererseits Regeln und Grenzen kennen lernen, dann find ich das absolut ok und notwendig. Fehlt jedoch der erste Teil, find ich das traurig. Wenn ich ausländische, in Deutschland lebende Menschen, frage wie sie die Deutschen empfinden, dann höre ich zumeist genau das gleiche.

Uns sind solche Situationen nun schon so oft begegnet, dass ich sie auffällig genug finde, sie hier zu erwähnen. Ausdrücklich, dass ich natürlich auch tolle deutsche Menschen kenne. Auch schätze ich die Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Effizienz die Viele haben. Es bleibt also in dieser Hinsicht Entwicklungs -und Wachstumspotenzial. Das haben die Italiener in anderen Dingen zu erledigen wie bspw. Umweltschutz und ökologischer Landbau.

Freilernen und Experimentieren
Kokeln und Experimentieren in Avola

In Avola wollen wir noch bis zur Ankunft unserer Gäste bleiben. Täglich sind wir am Strand und die Kinder fahren auf dem großen, unbenutzten Parkplatz Fahrrad und Laufrad. Peter und ich arbeiten viel. Wir wechseln uns mit der Kinderbetreuung ab und ermöglichen uns somit gegenseitig das Realisieren unserer Träume. Dass man auch im Wohnmobil zu Musik abgehen kann hätte selbst ich nicht gedacht. Das Leben zeigt uns die Wirklichkeit. Einfach die Mucke laut aufdrehen, sich frei machen von Vorgaben und abgehen. Fühlt sich sehr befreiend und wahnsinnig wohltuend an.

Peter und ich sind viel in Kommunikation über unser Leben, unsere Möglichkeiten, unser Handeln, über Einkaufsentscheidungen, Veränderungen und unsere Charakterzüge. Außerdem genießen wir alle zusammen täglich frisch gepressten Saft zum Frühstück.

Was magst du an dir selber? Welche Eigenschaften möchtest du verändern oder siehst du kritisch? Glaubst du, dass deine Umwelt deines Glückes Schmied ist oder du selber? Ich glaube, dass wir alle etwas dafür tun sollten, glücklich zu sein. Was sonst sollte der Sinn unseres Lebens sein? Welche Maßnahme wäre besser, als tägliches Glück, Zufriedenheit und Dankbarkeit zu fühlen, um Krankheiten vorzubeugen?

Also, sei glücklich, verliebt, neugierig, wissbegierig, frei, lustig, kindlich, unangepasst, frech, laut, wild, emotional, friedvoll, spontan, lässig….. und füge dem alles hinzu was dir wichtig ist!

PS: Als Peter an der Tankstelle beim Bezahlen vom Tankwart angesprochen wurde in vacanza? (Im Urlaub?) und mit No, grazie antwortete, wussten wir, dass wir noch nicht lange genug in Italien sind…

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Es ist schön von euch zu lesen. Deine Gedanken gefallen mir. Es geht uns auch so, dass wir sehr auf uns selbst zurückgeworfen werden, wenn die kultur um uns sich verändert (gerade marokko). Das ist so spannend und macht das Leben viel reicher finde ich. Gute Gedanken von dir!

    Antworten
    • Liebe Johanna,
      vielen Dank für deine Nachricht. Wir empfinden es auch so. Und wir dürfen dadurch viel über uns selber lernen. Ich werde mir nachher mal deine Webseite ansehen. LG

      Antworten

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